11.07.2019

Arbeitnehmer sind immer von unternehmerischen Entscheidungen betroffen. Und als Betroffene haben sie daher das elementare Verlangen, in diese Entscheidungen einzugreifen. Es geht dabei auch um die Zukunft ihrer Arbeit und um die Qualität ihres Arbeitslebens, damit um ihre Lebensqualität. Für Unternehmer geht es meist vor allem um Profit. Soziale Marktwirtschaft erfordert aber den Ausgleich der Interessen. Deshalb Mitbestimmung in den Unternehmen, Arbeitnehmerbeteiligung im Aufsichtsrat.


Dieser Grundsatz gilt seit 1922, mit Ausnahme in der Zeit der Nazi-Herrschaft. Dennoch träumen immer wieder Unternehmer von Aufsichtsräten ohne Arbeitnehmereinfluss. Auch bei der Siemens Healthineers AG (SH AG)?


Scheint so. Dem Aufsichtsrat der SH AG gehören ausschließlich Vertreter der Aktionäre an. Dort werden die wesentlichen Entscheidungen auch für die Tochtergesellschaften der SH AG getroffen. Die Siemens AG kann als Aktionär ihre Rechte in der Hauptversammlung wahrnehmen. Aufsichtsrat und Vorstand der SH AG handeln dennoch im Rahmen der Satzung eigenverantwortlich und weisungsunabhängig. Gegenüber einem Tochterunternehmen in der Rechtsform einer GmbH hat der Vorstand der SH AG jedoch gegenüber der Geschäftsführung Weisungsbefugnis und daran ändert auch der Aufsichtsrat der GmbH nichts.

Das Entscheidungszentrum für die SH AG der Tochterunternehmen ist der Vorstand der SH AG und der überwachende, kontrollierende und die Unternehmensendscheidungen begleitende Aufsichtsrat der SH AG. Deshalb gehört hier ein mitbestimmter Aufsichtsrat hin. Rechtlich ist klar: Nach dem Mitbestimmungsgesetz 1976 sind Arbeitnehmer der Tochterunternehmen der AG einem herrschenden Unternehmen zuzurechnen. Sind dann in der Regel über 2000 Arbeitnehmer gegeben, gilt die Mitbestimmung.
Deshalb der Einspruch beim Landgericht in München und dem Verlangen, dass die Besetzung des Aufsichtsrats der SH AG mit Arbeitnehmervertreter vorzunehmen ist.

Es darf keinen Rückschritt in die Zeit vor 1922 geben. Nicht, wenn der Erfolg des Unternehmens durch die Beteiligung der Arbeitnehmer an der Unternehmensführung auch im 21. Jahrhundert eine solide Basis bilden soll.

Heinz Hawreliuk

04.07.2019

Dass das Gesundheitssystem in den USA eine Misere ist, bestreitet niemand. Was die Schuldigen angeht, gehen die Meinungen auseinander. In jüngster Zeit ist für viele völlig unerwartet ein neuer Beschuldigter aufgetaucht: McKinsey.


Das Unternehmen hatte Purdue Pharma LP beraten, das OxyCotin, den Blockbuster (Jahresumsatz in der Spitze 2,6 Mrd. USD) unter den Schmerzmitteln herstellt und vertreibt. Dieses Präparat gilt als Hauptursache für die Opioid-Crisis, die rund 40 Tausend Menschen jährlich das Leben gekostet und in den letzten 20 Jahren einen Gesamtschaden von mehr als einer Billion USD verursacht hat. Die Gefährlichkeit der Überdosierung und die Abhängigkeitswirkung von OxyCotin sind lange bekannt.


Nicht bekannt war, dass McKinsey mehr als fünf Jahre lang Purdue bei dessen enormer Umsatzsteigerung („turbocharge“) als Helfer zur Seite stand. Aufgeflogen ist das Engagement durch die zunächst angefochtene Veröffentlichung einer 275 Seiten umfassenden Anklageschrift der Generalstaatsanwaltschaft von Massachusetts, in der McKinsey 71 Mal ausdrücklich erwähnt ist.

Wohlgemerkt, solche Machenschaften kommen dank raffinierter Vertraulichkeitspraktiken nur dann ans Licht, wenn Gerichtsverfahren anhängig werden, was den Verdacht zulässt, dass es eben nicht nur um Einzelfälle handelt, zumal viele Pharmakonzerne Dauerklienten von McKinsey sind. Und es ist nun mal eine lukrative, auffallend „monetarisierte“ Branche, die doch nur der Gesundheit zu Diensten sein will.

Die Ratschläge an Purdue folgten der einfachen Regel: Nichts auslassen, was Menge und Marge bringt, frei von Überlegungen, was das bei Patienten anrichtet und welche üblen Folgen es für die Gesellschaft hat. Aufgeführt wurden Praktiken: wie verschreibungsfreundliche Ärzte identifizieren und sie intensiv „betreuen“, die Geschäftsführung nicht kooperativer Vertriebsunternehmen bedrängen, Bekenntnisse zur großen therapeutische Wirkung abgeben („patient pushback“), Direktversandwege einrichten und anderes smarte mehr.

Vorauszusehen war die Reaktion von McKinsey auf das Bekanntwerden der Opioid-Verwicklung. Man versicherte, die Geschäftsbeziehung zu Purdue definitiv zu kündigen, gestand danach ein, dass der Konsum von Schmerzmitteln „a tragic and devastating impact on our communities“ habe. Deshalb will das sich vorgeblich „hohen ethischen Standards“ verpflichtete Beratungsunternehmen nunmehr die mitgepushte Krise bekämpfen, was naturgemäß nicht leicht sei, wofür man jedoch eine unschlagbare Expertise habe. Der entsprechende Bericht von McKinsey trägt den akquisitorischen Titel: „Why we need bolder action to combat the opioid epidemic.“ Was sind passende Bezeichnungen für dieses Tun, eine solche Haltung? Berechnend, zynisch?


Noch etwas. Die deutschen Medien haben - mit Ausnahme der FAZ - nicht über diesen skandalösen Fall berichtet. Woran das liegen mag? Sind die Medienhäuser hierzulande aufgrund früherer und aktueller Kundenbeziehungen, wegen erhaltener Gefälligkeiten (Praktika und Jobs für Töchter und Söhne), aufgrund verbundener Aufsichtsmandate und Mitgliedschaften, wegen Beratung durch McKinsey gehemmt? Oder ist es einfach der journalistischen Komfortzone geschuldet, die man in diesem besonderen Fall besser nicht verlässt? Jedenfalls wirft McKinsey angesichts der vielen persönlichen Verbindungen, nicht zuletzt in Berlin-Mitte, Fragen nach der Rolle der vierten Gewalt im Staate auf. Die Zivilgesellschaft hat Grund zur Sorge.


Manfred Hoefle

 

11.06.2019

Da am Wittelsbacher Platz derzeit McKinsey-Berater Prozesse analysieren, veröffentlichen wir hier mit freundlicher Genehmigung des Autors ein Statement über McKinsey, das eigentlich mehr eine Studie als eine Meinungsäußerung ist. Die Denkschrift Nr. 33 von Manfred Hoefle wurde auf der Seite Managerismus.com erstveröffentlicht.

   
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