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Politische Forderungen

7.2.2026
Was wollen Belegschaftsaktionäre?

Als 1994 die "Belegschaftsaktionäre in der Siemens AG e.V." gegründet wurden, war die Idee populär, Arbeitnehmer am Produktivvermögen zu beteiligen. Die Arbeitnehmervertreter hatten dieses Ziel immer wieder eingebracht und die Vorstandsvorsitzenden der Siemens AG und später der abgespaltenen Unternehmen haben diesen Gedanken großteils unterstützt, sodass vergleichsweise vorbildhafte Regelungen bestehen. Zwischenzeitlich wurden auch die gesetzlichen Regelungen so gestaltet, dass man einigermaßen zufrieden sein kann. 
Die Arbeitnehmer haben ein Interesse an einem gesunden Unternehmen, das wettbewerbsfähig ist, möglichst endogen wächst und im Ergebnis gute und sichere Arbeitsplätze bietet. Hierzu zählt auch ein Bekenntnis zum Standort, was gelegentlich mit einer kritischen Haltung zur Globalisierung verbunden ist, weil jede Wertschöpfung Kapital benötigt. Belegschaftsaktionäre neigen deshalb dazu, das Produktivkapital dort belassen zu wollen, wo ihre Arbeitsplätze sind. 


Kritische Haltung bei Portfoliomaßnahmen

Zu Zeiten als noch Bereichsvorstände das Siemens-Geschäft verantworteten, konnte man Portfolio-Maßnahmen eventuell kritisch sehen, aber der Grundgedanke, das Geschäft voranzubringen, war ihnen immer zuzuschreiben. Ich will an zwei Beispielen veranschaulichen, dass sich das leider geändert hat:

  1. Joe Kaeser hat 2014 Dresser Rand inklusive der Schuldenübernahme für 7,8 Milliarden Dollar gekauft. Das im Öl- und Gasgeschäft tätige Unternehmen hatte bei der Übernahme eine Umsatzrendite von 4,4 %, gemessen am Kaufpreis also eine Rendite von schmalen 1,8 %. 
  2. Für 10,6 Milliarden Dollar (inklusive Schulden) hat 2024 Roland Busch Altair gekauft. Das Unternehmen mit 1400 Mitarbeitern in F&E erwirtschaftete vor der Übernahme eine Umsatzrendite von gut einem Promille. Es gehörte neben dem Firmengründer mehrheitlich institutionellen Anlegern, es soll den "Digital Twin" und Simulationen zugänglicher machen und erste gemeinsame Projekte zeigten 10–20 % Effizienzsteigerungen bei Kunden, so Roland Busch. In Zahlen macht sich das nicht bemerkbar, der Umsatz ist bei Digital Industries im zweiten Jahr in Folge um 4 % zurückgegangen und das diesjährige Ergebnis um 24 % eingebrochen. Die Kosten für Personalrestrukturierung sind von 63 Millionen Euro auf 356 Millionen hochgeschossen.
Einordnung

Es ist sicher gut, wenn Manager Visionen haben, und selbstverständlich sollen der digitale Zwilling sowie die Simulationssoftware zugänglich programmiert sein. Wenn ein Bereich derart unter Druck ist wie Digital Industries, stellt sich jedoch eher die Frage nach der Verantwortung für eine nicht ausreichend kundengerechte Software als nach einem Zukauf in dieser Größenordnung. 
Lange Zeit galt die Devise, jeder von uns solle so handeln, als wäre Siemens sein eigenes Unternehmen. Kein Mittelständler würde wie unsere Vorstände und Aufsichtsräte handeln! Es ist zu befürchten, dass die realen Machtverhältnisse bzw. Netzwerke die vorgestellten und andere Kaufentscheidungen beeinflusst haben.
Bei den Beispielen und in vergleichbaren Fällen wurde das Produktivkapital in Deutschland verkleinert und in den USA vergrößert. Das kann sinnvoll sein, aber in der Regel ist es für den Standort schlecht, weil der wirtschaftliche Erfolg mit dem eingesetzten Kapital korreliert. Für Arbeitnehmer, die am Erhalt ihres Standortes interessiert sind, wären die angeführten Beispiele selbst dann Fehlallokationen, wenn sie die Kapitalrendite optimierten.

Eine Zustimmung von Arbeitnehmern im Aufsichtsrat ist immer dann sinnvoll, wenn das Ereignis unabwendbar ist, und für die Zustimmung im Gegenzug beispielsweise eine gute Übergangsvereinbarung ausgehandelt werden kann. Die Zustimmung der Arbeitnehmer zu Firmenkäufen wie Altair bleibt dagegen ein Rätsel. Der Abzug von Kapital in dieser Größenordnung führte nicht nur zu einem extremen Spardruck im Segment Digital Industries, es führt ohne Wachstum notwendig zur Verlagerung von Arbeitsplätzen und der beliebte Slogan "Mensch vor Marge" ist dann bedeutungslos, wenn die Marge auf diese Weise pulverisiert wird.

Indexfonds-Anbieter beschränken?

Belegschaftsaktionäre sollten sich aus meiner Sicht der Bewegung von amerikanischen Senatoren anschließen und fordern, dass Indexfonds-Anbieter kein oder ein eingeschränktes Stimmrecht haben. Hierfür gibt es gute Gründe: Ein Unternehmer muss seine Betriebsgeheimnisse schützen. Fonds in der Größenordnung der "Big Three" (BlackRock, Vanguard und State Street) stimmen praktisch immer gemeinsam ab und haben "ihre" Leute in den Aufsichtsräten. Ob unter solchen Bedingungen Betriebsgeheimnisse ausreichend geschützt sind, darf zumindest hinterfragt werden. 
Arbeitnehmer haben zudem das Interesse, dass ihre Unternehmen wettbewerbsfähig und die Arbeitsplätze erhalten bleiben. Die Wertschöpfung einer Volkswirtschaft ist ein gewisser Prozentsatz aus dem Produktivkapital. Wenn dieser durch Verlagerungen verkleinert wird, werden in Folge Arbeitsplätze wegfallen. 
Deutschland hat eine der rigideren Exit-Tax-Regelungen in Europa (besonders seit 2022/2025), die Unternehmer und vermögende Personen betrifft. Allerdings lösen Unternehmenskäufe, wie hier beispielhaft beschrieben, keine Wegzugssteuer aus, obwohl sie für die Arbeitnehmer die gleiche Wirkung wie ein Wegzug haben, weil Kapital abgezogen und im Ausland investiert wird. 

Was denken Sie über die Forderung, das Stimmrecht für große Fonds einzuschränken? Ihre Meinung interessiert uns und wenn Sie wollen, veröffentlichen wir sie auch gerne. 


Dr. Werner Fembacher (Stv. Vorsitzender der Belegschaftsaktionäre)


Links:

https://www.sullivan.senate.gov/newsroom/in-the-news/article-lawmakers-seek-to-curb-voting-power-of-blackrock-vanguard-and-other-big-asset-managers

https://www.ecgi.global/sites/default/files/working_papers/documents/kahanrockfinal.pdf

https://www.congress.gov/bill/119th-congress/senate-bill/1670/text