14.01.2020

In diesen Tagen will man erneut lieber nicht in den Schuhen von Joe Kaeser stecken: es ist eine Situation, in der man eigentlich nur das Falsche tun kann: wird der bereits geschlossene Vertrag über die Lieferung der Signaltechnik für die notwendige Eisenbahnstrecke zum Abtransport der Kohle aus der geplanten Mega-Kohlemine Carmichael in Queensland, Australien, durch den indischen Adani-Konzern aus politischen Gründen von Siemens wieder annulliert, muss unser Konzern damit rechnen, dass potentielle Geschäftspartner sich für zukünftige Aufträge lieber einen anderen, zuverlässigeren Partner suchen.


Auf der anderen Seite ist die nun am vergangenen Sonntagabend auf einer Sondervorstandssitzung getroffene Entscheidung, vertragstreu zu bleiben und damit eines der umwelt- und sozialkritischsten Projekte in der Geschichte Australiens, Gegenstand jahrelanger internationaler Kontroversen und Widerstände, zu unterstützen, Ursache heftiger Proteste von sehr medienwirksamen Quasi-Institutionen wie Fridays for Future oder Campact: laut Luisa Neubauer, der deutschen Aktivistin für Fridays for Future, sei das eine aus dem Jahrhundert gefallene Entscheidung. Auf der kommenden Siemens-Hauptversammlung werden sich der Vorstand und der Aufsichtsrat von den Aktionären und Protestierern nun auch Einiges anhören müssen.


Ich meine, zu Recht: warum in aller Welt gelingt es dem CEO nicht, dass er seine Regionalmanager dazu verpflichtet, ein bisschen über den Tellerrand hinauszublicken, bevor auf Teufel komm raus jeder Auftrag an Land gezogen wird, damit die eigenen Incentives performen, egal welche Rufschädigung für die Firma damit einher gehen mag? Warum schaffen es Alstom und Hitachi Rail sich zu weigern, die Signaltechnik zu liefern? Liegt es an der Forderung an internationale Firmen, den zunehmend sichtbaren Klimawandel endlich wahrzunehmen und nicht weiter business as usual zu betreiben oder haben diese Konzerne funktionierendere Frühwarnsysteme? Joe Kaeser spricht so gerne vom Leadership, z.B. am vergangenen Sonntagabend: "Die Lösung unserer Umweltprobleme braucht Führungspersönlichkeiten, die zusammen zielkonfliktäre Systeme verstehen und auflösen", erklärte er lt. BR24. Gibt es diesen Leadership in unserem Siemenskonzern nicht? Muss es also zu diesem GAU für Siemens‘ Reputation kommen?


Ich bin darüberhinaus der Meinung, dass Siemens – eben, weil sich andere mögliche Signaltechniklieferer bereits verweigert haben – tatsächlich eine Schlüsselrolle in der Umsetzung der Carmichael Kohlemine inne hat! Gautam Adani, der Gründer des Adani-Konzerns und Multimilliardär aus Indien, schafft es laut dem manager magazin immer wieder, Strafen zu vermeiden und sich Ausnahmen genehmigen zu lassen - beispielsweise um steuerfreie Sonderwirtschaftszonen um seine Werke zu errichten, die regulierten Stromtarife anzuheben, oder aktuell, um wegen des indischen Smogs geforderte Filter Jahre später in seine Kraftwerke einbauen zu müssen. Adani ist außerdem von Platz 10 auf Platz 2 der Forbes-Liste der reichsten Inder aufgestiegen, nachdem im vergangenen Jahr die Provinzregierung von Queensland nach neun Jahren Warten die Umweltlizenz für Carmichael erteilte. Hätte sich auch Siemens geweigert, das Adani-Projekt zu unterstützen, wäre für Adani tatsächlich wieder eine weitere Hürde vorhanden gewesen, dieses aus Umweltschutzgründen katastrophale und von den dort lebenden indigenen Völkern absolut nicht befürwortete Projekt – wie Kaeser fälschlicherweise behauptet hat und dafür bereits Kritik von der Gesellschaft für bedrohte Völker erhalten hat – durchzuziehen. Alleine die geographische Nähe von Queensland zu den derzeit wütenden, bisher schlimmsten Flächenbränden in Australien könnte man als Fanal sehen: aller Wahrscheinlichkeit nach ist die Ursache dieser Flächenbrände ein zu hoher CO2-Ausstoß. Dieser zu hohe CO2-Ausstoß würde durch die Umsetzung der Carmichael Kohlemine noch mehr angetrieben werden.


Tommy Jürgensen

 

   
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